von Hans-Gerd Warmann, vorgetragen am 16. 7. 2000 in Langstücken, 24358 Ascheffel anläßlich des Jahrestreffens Verreins für pfadfinderische Erziehung in Schleswig-Holstein
| Wir wollen zu Land ausfahren |
| Über die Fluren weit, |
| aufwärts zu den klaren |
| Gipfeln der Einsamkeit |
| Lauschen, woher der Sturmwind braust, |
| schauen, was hinter den Bergen haust, |
| und wie die Welt so weit..... |
Dieses Lied erklang zu Bordesholm in einer Gemeindebaracke. Auf einfachen Holzbänken saßen Jungen und Mädchen und sangen. Auch ich war dabei. Spiritus rector der Gruppe war ein älterer Mann von 37 Jahren. Er sang kräftig mit und spielte die Melodie auf einer Gitarre. Wir 14-, 15-, 16-Jährigen waren von der Art, wie der Mann mit uns umging, sehr angetan. Er führte in Bordesholm die "Sturm-vögel".
Ich war erst vor kurzem zu dieser Gruppe gestoßen. Schulkameraden hatten mich darauf hingewiesen. Da gäbe es einen Gemeindeangestellten, der versammele einmal in der Woche junge Menschen um sich, singe mit ihnen, mache verrückte Spiele und ziehe am Wochenende mit der Gruppe in die Wälder der Umgebung. Ich war neugierig geworden. Und nun gehörte auch ich zu diesem meschuggenen Haufen.
Wir aus der HJ-Generation, die wir den vormilitärischen Drill erdulden mußten, hatten die Schnauze gestrichen voll vom Kommandieren, Strammstehen, Gehorchen und dem uns eingehämmerten "Du bist nichts, Dein Volk ist alles" und "die Fahne ist mehr als der Tod". Und nun waren wir auf einen Mann getroffen, der uns behutsam in eine Welt einführte, in der Toleranz, Achtung vor der anderen Meinung des Nächsten und der Friede zwischen den Völkern als Lebensaufgabe erschien. Und das dozierte er nicht, sondern er lebte es uns vor. Dadurch schuf er Vertrauen und erwarb sich Autorität. Wir haben ihn gern gemocht. Nur, wir haben es ihm nicht immer gezeigt, Heute, wo wir alte Herren sind, wissen wir, was uns TU war, denn so war sein Gruppenname. So manches Mal haben wir ver-längerten HJ-Typen ihm das Leben schwer gemacht. Später, als wir selbst Familienväter waren, ist uns bewußt geworden, wie sehr die Gruppe - und die Gruppe war Kurt Rose - uns geprägt hat und ein wichtiger Meilenstein auf unserem Lebenspfad gewesen ist. TU hat uns 1946 vor Herumgammeln, Schwarzmarktgeschäften und Kriminaltät bewahrt. Wir waren ein bunter Haufen von Heimatver-triebenen und Heimatverbliebenen, vaterlosen und vaterlandslosen Gesellen.
TU hat uns in der Gruppe neuen Lebensmut und ein neues Ziel gegeben. Die Holzbaracke auf dem alten Sportplatz in Bordesholm war unsere Heimat, unser Heim, wo wir uns täglich trafen.
Wer war dieser Mann mit der hohen Stirn und der spitzen Nase, der so meisterlich Gitarre spielen konnte und in Zeltnächten so herrliche Geschichten erzählte?
Kurt Rose wurde am 1. September 1908 in Bernburg an der Saale geboren. Sein Vater, Postsekretär, fällt bereits 1914 im Ersten Weltkrieg. Die Mutter heiratet später wieder. Kurt kommt mit dem Stiefvater nicht zurecht. Die Familie zieht nach Berlin. Am Staatlichen Luisengymnasium macht Kurt das Abitur und studiert später Neuphilologie in Wien und Berlin. Als Schüler und Student gehört TU zu einer Altwandervogelgruppe der Reichshauptstadt. Da er ein begeisterter Karl-May-Leser ist, erhält er nach seinem Lieblingshelden Winnetou den Gruppennamen TU. Der Krach mit dem Stiefvater wird schlimmer. Rose bricht nach dem 8. Semester das Studium ab und geht als Hauslehrer einer deutschen Familie nach Ankara in die Türkei. 1933 kehrt die Familie nach Deutschland zurück.
Rose bleibt in der Türkei, verdingt sich als Zimmermann in Ankara und wirkt später als Lehrer für Deutsch und Französisch an einer türkischen Schule zu Kastamou. Weitere Stationen seines unsteten Lebens: 1932 heiratet er Margarete Matz, zwei Monate wandert er durch Griechenland. 1935 treibt es ihn über Malta und Algier nach Barcelona. Dort schlägt er sich schlecht und recht durch, studiert auch an der Universität. Schließlich kehrt er über Genua nach Berlin zurück. Mit den Nazis hat er nichts im Sinn. Er wandert aus nach Finnland, wo er finnische Literatur ins Deutsche übersetzt, unter anderem das finnische Heldenepos Kalewala. 1938 wird er von der finnischen Polizei ausgewiesen. Er muß nach Deutschland zurück. In Berlin schlägt sich Rose als Schriftsteller durch. Er arbeitet für den Schaffstein Verlag und für den Wolfgang Krüger Verlag.
1940 wird er zur Wehrmacht eingezogen, zunächst zu Infanterie. Später kommt er zur Kriegsmarine, wirkt in der Abwehr unter Admiral Canaris und später als Leutnant im Oberkommando der Kriegsmarine. 1945 arbeitet Kurt Rose, der englisch, französisch, spanisch, türkisch und finnisch spricht, als Dolmetscher in Bordesholm, bald darauf als Angestellter in der Gemeindeverwaltung . 1948 legt er die Mittelschullehrerprüfung ab und wurde Lehrer an der Mittelschule in Bordesholm. 1946 gründet er "die Sturmvögel"
Wir größeren Jungen wollten mehr als vagabundenhaftes Wandervogelleben, das wie zunächst führten. So geschah es. Die freien Gruppen der Jugendbewegung, zu der sie sich zählten, schlossen sich zur Bündischen Jugend Nord zusammen. Im Bereich der Jugendverbandsarbeit gab es eigentlich keine "Stunde Null". Einerseits gab es Hinterlassenschaften der Hitlerjugend, andererseits existierten aber auch Gruppierungen, die in Opposition oder zum Teil auch im erklärten Gegensatz zur Hitlerjugend des Dritten Reiches überdauert hatten. Traditionen und Personen aus dem historischen Bestand der Jugendverbände und der Jugendbewegung hatten überlebt.
Treffen mit gleichgesinnten Gruppen aus Schleswig-Holstein waren ein Abenteuer. Die Jungen begegneten sich am Ukleisee, an der Ostsee bei Eckernförde, an der Schlei, in den Hüttener Bergen, in Bad Schwartau. Überall trafen sich Jungen, die tief berührt wurden von den Nächten am Feuer.
Sie sangen neue Lieder, ganz anders als die, die sie im Braunhemd singen mußten. Sie erschlossen sich eine neue Welt, die sie bisher nicht gekannt hatten. Gemeinschaft entstand weit über den Rahmen der eigenen Gruppe hinaus. Und wir hatten die Sehnsucht, Bund zu werden. Ich werde diese Zeit nie vergessen. Ich erinnere mich gern an die alten Gefährten von damals, an heinpe aus Kiel, der eigentlich Heinrich Steinhöfel hieß und aus der dj. 1.11. kam; oder an Jumbo (Reimut Jochimsen) und an Erpel (Klaus Cerny) aus Niebüll, die beide damals schon Pfadfinder waren.
Da war in Heide Heinz-Felix von Gruner, der Ostern 1947 als stellvertretender Kreisjugendpfleger an einem Jugendlager in Ascheberg teilgenommen hatte. Dort traf er auf heinpe's Saporogerhorte. Ihm, der später den Fahrtennamen "Vex" bekam, gefiel diese Atmosphäre so gut, daß er in Heide, als Flüchtling in einem Massenquartier wohnend, eine Gruppe ins Leben rief, zunächst mit pfadfinderischer, dann mit rein jungenschaftlicher Ausrichtung. In Schleswig arbeitete eine Horde unter Klaus-Jürgen Citron und Peter Lampasiak. Aus Westerland trafen wir Siebrand Voß, Geist genannt, Jahrgang 1922, der in der illegalen dj. 1.11. gewesen war. Aus Lübeck ist mir unvergessen Trapper (Hartmut Rupprecht), mit dem wir viele prächtige Begegnungen hatten. Und nicht zu vergessen Hans John und Ben Hebecker.
Die Lagerfeuer sind verraucht, verklungen der Sang unserer Lieder.
Wir Bordesholmer und damit auch TU hatten viele Begegnungen mit Jungenschaftlern. Wir sangen begeistert "Platoff", "Unsere Fahne zerrt der Wind", "Voraun und drauf und dran" und wie die bündischen Schlager alle hießen., die aus der Zeit der Illegalität der Bünde im Dritten Reich stammten.
Es muß 1947 gewesen sein, als sich die Gruppenführer der Bündischen Jugend Nord in Schleswig oder in Rendsburg trafen und darum rangen, in welcher Richtung man sich entscheiden solle, hie Pfadfinder - hie Jungenschaftler! Es war ein heißes Ringen. Erst sah es so aus, als ob die Jungenschaft siegen sollte. Dann nahm TU das Wort, der sich so stark mit Baden-Powell befaßt hatte, und überzeugte die Mehrheit, Pfadfinder zu werden. So wurden auch wir Bordesholmer Pfadfinder.
Vom 4 - 6- Mai 1948 fand auf dem Jugendhof Barsbüttel bei Hamburg eine Pfadfinderkonferenz statt. An dieser Konferenz nahmen aus Schleswig-Holstein teil: Hans John (Späherjugend), Bernhard Hebecker (St. Georgs Komitee), beide aus Lübeck, Dr. Arthur Schreck (Seepfadfinder), aus Travemünde, Kurt Rose (Bündische Jugend Nord) Bordesholm, Helmut Kruthein (Goodwill), Kiel.
Das wichtigste Ziel, die Bildung von nur drei Pfadfinderbünden in der britischen Zone, wurde erreicht.
Zu dem evangelischen und dem katholischen Bund kam jetzt der Bund Freier Pfadfinder Deutschlands.
Als vorläufige kommisarisch beauftragte Vertreter der Länder wurden für Schleswig-Holstein Hans John und Kurt Rose gewählt. Nachdem die Briten der Pfadfinderei nichts mehr in den Weg legten, gliederten sich die pfadfinderischen Gruppen der Bündischen Jugend Nord dem Pfadfinderbund an. Der Rest stieß zur Deutschen Jungenschaft.
Der erste Schritt zum Bund Deutscher Pfadfinder war getan. Im April wurde er unter dem Namen "Deutsche Pfadfinder" in Karlsruhe ausgerufen Kajus Roller wird erster Bundesführer. Am 5. Dezember erfolgte auf dem zweiten Karlsruher Führerthing der Zusammenschluß mit den Pfadfindern der britischen Besatzungszone im Bund Deutscher Pfadfinder (BDP).
TU führte nun als Pfadfinderführer den Stamm Bordesholm, der aufgrund seiner Beliebtheit wuchs und wuchs. Im November 1948 besuchte Kurt Rose Gilwell-Park in England.
Als Landesfeldmeister der Landesmark Schleswig-Holstein und später als Bundesbeauftrager für die Roverstufe im Bund hat er genauso überzeugend gewirkt wie in seiner Gruppe in Bordesholm.
Viele junge Menschen im Land zwischen den Meeren hat er bewegt und geprägt. Mit Sukuru zusammen hat er die Pfadfinderei in Schleswig-Holstein vorangebracht und beeinflußt.
Als die ideologischen Auseinandersetzungen im Bund begannen, war TU tief betroffen
Als Max Himmelheber jene These aufstellte, nach der es drei Bereiche gäbe, die in gleicher Weise für den Knaben, den Jüngling und den Mann gelten würden. Sie begännen etwa im zwölften oder dreizehnten Lebensjahr jeden echten Jungen mit einer tiefen und namenlosen Sehnsucht zu erfüllen, die den recht Gearteten von da an bis zum Tode nicht mehr lasse,.
Den ersten Lebensbereich nannte Himmelheber das Heldische. Den zweiten Bereich nannte er das Magische. Er versteht darunter alles, was uns seelisch mit den Tiefenkräften der Natur, den Hintergründen des Kosmos verbindet, mit der "Ferne", mit dem Bluthaften unseres eigenen Seins.
Als dritten Bereich nennt er die Liebe. Liebe ist für ihn der gute Wille, den anderen Gutes zu tun.
Himmelheber wörtlich: "Ich bin zutiefst davon überzeugt, daß es keinen Knaben, Jüngling oder Mann gibt, für den das Heldische im vorstehenden Sinn nicht als ein Schwerpunkt seines Lebens gefühlt und im tiefsten Herzen gesucht wurde. Ich behaupte dasselbe von den Bereichen des Magischen und der Liebe und auch, daß es nur diese drei Eingangspforten zur vollkommenen Erfüllung und auch zur rauschhaft beseeligenden Übersteigerung und göttergleichen Erhobenheit des Seins gibt."
Als dann noch in der Zeitschrift "Das Lagerfeuer" Nr. 28/1954 von Max Himmelheber unter der Überschrift: "Bündische Jugend-heute?" die Parole ausgegeben wurde: Auf die Frage aber: was sollen wir tun? Bleibt nur das uralte, ewig junge: Speere werfen und die Götter ehren, gab es bei TU einen großen Knacks. Er war enttäuscht über den Weg des Bundes.
Wir haben beide oft und lange darüber gesprochen, wie es mit dem BDP weitergehen könnte.
Er baute auf die Pädagogik Baden-Powells. Er sagte mir einmal: Es erscheinen bündische Gruppen und halten sich an die Formel des Hohen Meißner: "Wir wollen nach eigener Bestimmung, vor eigener Verantwortung und mit innerer Wahrhaftigkeit unser Leben gestalten". Und sie haben nicht gelernt, daß die eigene Kraft, die eigene Bestimmung und die eigene Verantwortung ein Überbleibsel des neunzehnten Jahrhunderts ist, als man den Menschen noch für gut hielt und als man vergessen hatte, daß der Mensch ohne Verankerung im Ewig-Festen und ohne Verantwortung vor Gott Schiffbruch erleiden würde.
Auch bei uns wird am Ende des Kohtenliedes gesungen: "Wir glauben an die Treue und an die eigene Kraft". Wenn die Jugend, die die Bünde trägt, ohne klares Profil ist, was ist eigentlich die Jugendbewegung? Ist dann da eine eigene Kontur, wenn ich behaupte: Ich bin Pfadfinder?
Das Wort Jugendbewegung leidet unter dem Bedeutungswandel des Wortes Bewegung. Aus der einfachen Bewegung von Hand Flügel und Wasser wird die bildliche Rede der "Gemütsbewegung" - und schließlich die Massenbewegung, Arbeiter, Sport- und Pfadfinderbewegung.
Tu konnte zornig werden, wenn Phrasen gedroschen wurden. "Das Wort", sagte er, "muß unter uns wieder Wert gewinnen. Im Alten Testament ist es der 119. Psalm und im Neuen der Anfang des Johannesevangeliums, wo uns das Wort ans Herz gelegt wird; denn das Wort, das von Gott kommt, unterscheidet den Menschen vom Tier, unterscheiden also wir auch den einen Menschen vom anderen".
Um zu dokumentieren, wie TU dachte und was er voranbringen wollte, möchte ich seinen 11. Roverbrief aus dem Jahre 1954 zitieren: "Da leben wir also unsere dreißig Jahre in der Jugendbewegung, sind wir jünger, immerhin auch fünf oder sechs Jahre. Wir sind bündisch und gehören einem der wenigen echten Bünde an, die keine Vereine oder Organisationen sind..
Aber wir haben alle, soweit wir noch fähig sind, ehrlich sind, gerade zu sein, ein eigenartiges Gefühl im Magen, wenn wir vom Bund sprechen; denn wir sehen jeden Tag, wie die Verwaltung unseres Bundes uns anspannt und uns zu Jugendgruppenleitern erhebt, wie wir den Jungen Beschäftigung und Romantik, Fröhlichkeit und staatsbürgerliche Pflichten vermitteln, wie wir uns pflegsam der Jugend annehmen, seien wir 40 oder 20 Jahre alt.
Die Wandervögel vergeistigten ihre hochmütige Sektiererkultur., die Jungenschaft gräbt exotische Lieder aus und die Pfadfinder richten sich nach einem Versprechen, das zwei Weltkriege überdauert habe. Wir sind entweder beschränkt oder Lügner, wenn wir behaupten, das sei Jugendbewegung...
Brecht einmal die Symbole und Gesetze und das Brauchtum der Bünde auseinander! Brecht die hart gewordenen Schalen auf! Da ist eine Lilie als Wegweiser, aber kein fester Weg - da ist ein lieber Gott aber nicht Gott Christus - da ist ein Vaterland, aber ohne alle, die in der SED oder FDJ sind - da heißt es allen Menschen zu helfen, aber den Juden und Christen beileibe nicht..
Unterscheiden wir "Jugendbewegten" uns eigentlich in irgendeinem Punkte von all denen, die nicht bündisch sind? Etwa, weil wir in einer Kohte schlafen oder vorgestern wirklich einmal jene berühmte gute Tat getan haben oder weil wir Rilke vertonen? Wer beurteilt, daß Kegelkameradschaft weniger wert ist als Bundesbrüderschaft?
Und macht Euch auf den Weg und sucht, wo ihr Grund unter die Füße bekommt! Aber das ist nicht mehr der Weg, den Karl Fischer gegangen ist, denn es ist Sturm und Flut über das Land gegangen.
Jetzt heißt Bund wirklich Bindung - die Israeliten haben einmal einen Bund geschlossen, der sie auf einen schwereren Weg zwang, als ihn all ihre Nachbarn gingen, einen Bund, der sie an Gott und an sein Gesetz band. Und sie haben sich mit goldenen Kälbern und fremden Göttern dagegen gesträubt. Und wir sträuben uns mit Geldverdienen, Geschäftigkeit und Naturliebe gegen den Neuen Bund, der noch mehr von uns verlangt als die Zehn Gebote.
Unser Bund ist eine freundliche Zierde unseres Lebenslaufes, Wir nennen ohne Bedenken den Dienst für Gott und den Dienst für das Vaterland, also den Dienst als Beamter, den Militärdienst, vielleicht auch noch enger, den Geschützdienst in einem Atemzuge.....
Wir wollen aufbrechen und suchen, ob wir gut und gütig sein können. Gibt es schon kein Volk in der Welt, das Gott über den Nationalismus stellt, so möge doch ein junger Bund entstehen und rufen: Europa ist mehr als Deutschland! Die Menschheit ist mehr als unser Erdteil! Gott ist kein deutscher Gott, sondern "unser aller Vater".
Jene Pfadfinder, die versprachen, Freund aller Menschen zu sein, und doch ohne Bedenken ihre Pfadfinderbrüder aus anderen Ländern totschossen, sind Opfer der unglücklichen Vermengung
göttlicher und weltlicher Forderungen geworden. Wollen wir unser deutsches, englisches oder jüdisches Vaterland über das Gottesgebot setzen und an dieser Wertordnung festhalten, dann müssen wir, wenn wir nicht im Schlendrian weiterleben wollen, den gesamten Pfadfinderbund auflösen. Baden-Powell hat alles aus der Sicht der Welt vor 1914 geformt - wir müssen weiterdenken, so wie er es heute täte.
Auch die bündischen Bünde sind so starr und ideenhart geworden, daß wir ängstlich in unserem westlichen Vaterlande verharren, daß wir nur unter dem Verdacht, Kommunisten zu sein, die Wörter Freiheit und Einheit benutzen und ansonsten auf eine Einladung zum Studium in Amerika erpicht sind.
Hat ein Bund nur einmal daran gedacht, den Versuch zu unternehmen, gleich dem evangelischen Kirchentag auf bündische Weise, jugendbewegt und jugenderregt, Jungen aus Ost und West zusammen zu führen? Wahrscheinlich wäre es verboten worden, wahrscheinlich auch beim zweiten Versuch, das eine Mal vom Osten, das andere Mal vom Westen. Und Fahrten hinüber und herüber und Einladungen an die Freie Deutsche Jugend und Teilnahme an den Treffen drüben? Welch ein Verdacht braut sich über meinem Haupte zusammen!
Wer glaubt noch daran, daß Rußland und China und alle Satellitenstaaten eines Tages an der Unfähig-keit des Systems zusammenbrechen? Eines Tages... abwarten... die EVG... vielleicht der Tag X - nein, heute brechen wir jungen Menschen im Vertrauen auf Gott mit festem Herzen auf und sehen ihnen ins Gesicht. Und wir bringen Güte und wollen Frieden. Ja, ja, ich weiß, sie sagen auch Frieden und es hat einen anderen Sinn! Aber du sagst Himmel und meinst etwas anderes als ich; der Katholik sagt Abendmahl, und es ist etwas völlig anderes als das Abendmahl der Protestanten. Und was verstehen Plato, Paulus oder Casanova unter Liebe? Friede ist zuerst mal meine Hand in deiner Hand! Ja, sie sind mißtrauisch -aber bist Du nicht Christ, um dies zu überwinden? Und dazu jung und bündisch?
Ja, sie lassen sich nicht bekehren - aber leben nicht Protestanten, Katholiken, Methodisten, Baptisten, Gottgläubige, Ludendorffer, alle mit sehr herrischen Ansprüchen, nebeneinander? Warum nicht Sozialisten im Osten und Kapitalisten im Westen, so wie die Römischen im Süden und die Lutherischen im Norden?
Wenn irgendwo, so ist hier der Auftrag an die Jungen. Er heißt: niemals hassen, rüsten, zerstören - er heißt: überzeugen lassen - er heißt: Aufbruch zur Güte, faßbar und sichtbar!
Der gewaltige Anfang ist, die verhärteten Fronten aufzubrechen - und da ist die Gefahr, daß die alten Bündischen das liebgewordene Alte halten wollen und daß das Harte zersplittert. Und an die, die den jungen Bund im Herzen tragen, ist dann die Frage gerichtet: Habt ihr den Mut aufzubrechen?"
Ist diese Frage im Sinne TUs beantwortet worden? Ich glaube nicht Nehmen wir seine Worte als Vermächtnis, das er uns hinterlassen hat. Er hat bald nach diesem Brief den Bund, dem er so viel gegeben hat, verlassen.
Kurt Rose war der Meinung, seine Arbeit sei vergebens gewesen. Er habe nichts bewirkt.
Er schrieb mir 1965 in einem Brief: "Was war das eigentlich damals, als wir noch Jungen waren in Bordesholm? Wann war das eigentlich, und was haben wir daraus gemacht? - Du siehst, Alter, ich schwimme in Melancholie. Verzeih mit, Du bist mein Freund. Wie viele habe ich? Dich und bis zu einem gewissen Grade Lambert, den Maler aus Hamburg. Hasta la vista, Dein alter Kurt."
Kurt Rose hat lange Jahre als Lehrer in Iserlohn und in Bad Münstereifel mit jungen Menschen gearbeitet, hat Bücher und Theaterstücke geschrieben und ist im vergangenen Jahr in Celle im 91. Lebensjahr gestorben.
Ich denke, würde er noch leben, könnte ich ihm heute sagen: Du bist in
Schleswig-Holstein bei den Pfadfindern nicht vergessen. Wir können stolz
sein auf diesen Mann, der uns den Pfad ins Erwachse-nendasein gewiesen
hat. Er hat es verdient, daß wir uns seiner erinnern

(2002)